Einkäufe, Waffen, Schützenunion: So bereitet sich Litauen auf einen Krieg mit Russland vor

4. Oktober 2016

In der Ostukraine tobt ein unermüdlicher Krieg. In vielen osteuropäischen Ländern herrscht Angst vor einer ähnlichen Situation. Besonders im Baltikum. Dort rüsten sich die Einwohner bereits für den Krieg.

Über der litauischen Hauptstadt Vilnius scheint die Sonne durch dunkle Regenwolken. Auf dem Kathedralen-Platz, rund um den Glockenturm, tummeln sich Touristen und schießen Erinnerungsfotos von dem großen Platz und dem weißen Turm mit schwarzer Spitze. Im Wald in der Nähe von Vilnius liegen zeitgleich rund 20 Männer und Frauen in Tarnuniformen auf dem Boden. Sie zielen mit Waffen auf kleine Papierscheiben. Die lauten Schüsse hallen durch die Wälder, Vögel steigen aus den Baumkronen auf. Die Mitglieder der litauischen Schützenunion trainieren. Im Falle eines Krieges wollen sie ihr Land verteidigen.

Die Schützenunion bereitet sich vor

„Falls Russland uns angreift, müssen wir vorbereitet sein. Es kann immer passieren“, sagt Kristijonas Vizbaras. Er trat der Schützenunion bei, als die Krise in der Ukraine begann. „Ich dachte darüber nach, was ich im Ernstfall tun soll.“ Weglaufen ist für den Gründer eines High-Tech-Unternehmens keine Alternative. „Ich möchte etwas zur Verteidigung meines Landes beitragen“, sagt er, seinen Blick nach draußen gewandt. Seine braunen Augen spiegeln seine Entschlossenheit wieder. Die Schützenunion bietet ihm die Möglichkeit dazu. Seit Beginn der Kämpfe im Donbass ist die Zahl der Mitglieder stark angestiegen. Mittlerweile kämpfen knapp 11.000 Freiwillige in der Organisation.

Die litauische Schützenunion im Training

Die Mitglieder der Schützenunion beim Training

Ein Mal pro Woche trainieren sie am Schießstand, alle vier bis sechs Wochen finden groß angelegte Trainingseinheiten statt. Dazu kommen die verschiedenen Einheiten zusammen, erproben den Verteidigungsfall für verschiedene Szenarien. „Wir trainieren in den Wäldern und Städten, je nach Szenario“, erklärt Vizbaras. Unterstützt werden die Schützen von ehemaligen Militärs und Polizisten, die sie neben den praktischen Übungen auch in Taktik und Strategie schulen.

Die Vorbereitungen auf den Krieg laufen 

In Kaunas, hundert Kilometer westlich der Hauptstadt, kämpft Student Mindaugas mit seiner Angst. „Ich fühle die Bedrohung durch Russland jeden Tag. Putin spielt mit unserem Land. Ich denke, dass Russland eines Tages versuchen wird, Litauen zu annektieren“, erzählt er in seinem Studentenbüro mit Blick auf die Laisves Aleja (Allee der Freiheit).

 

Student Mindaugas - er fühlt die Bedrohung durch Russland und denkt, dass es zu einer Invasion kommen könnte.

Student Mindaugas – er fühlt die Bedrohung durch Russland und denkt, dass es zu einer Invasion kommen könnte.

Das gesamte Land ist in Alarmbereitschaft. Die 2008 abgeschaffte Wehrpflicht wurde wieder eingesetzt, gleichzeitig gab die Regierung ein Handbuch für das Verhalten im Ernstfall heraus.

Mindaugas und seine Freunde bereiten sich nicht konkret auf einen Krieg vor. „Wenn die Russen kommen, frage ich im Militärbüro in unserem Shoppingcenter nach, wie ich unser Land unterstützen kann“, sagt er. Eine mentale Vorbereitung finde aber im ganzen Land statt. „Alle überlegen sich, was zu tun ist, wenn es los geht. Wo gehen wir hin? Wie muss ich mich verhalten? Wie schaffe ich meine Familie aus dem Land? Wie kann ich mich verteidigen? – Ich denke, dass sich aktuell jeder Litauer diese Fragen stellt.“

 

„Du musst bereit sein deine Heimat zu verteidigen“

 

Automechaniker Vytautas sorgt sich besonders um die Sicherheit seiner Familie. Im Falle eines Krieges würde er für die Freiheit seines Landes kämpfen.

Automechaniker Vytautas sorgt sich besonders um die Sicherheit seiner Familie. Im Falle eines Krieges würde er für die Freiheit seines Landes kämpfen.

 

Der Kaunasser Automechaniker Vytautas sorgt sich besonders um die Sicherheit seiner Familie. „Im Falle eines Krieges musst du bereit sein. Bereit sein, um deine Familie aus dem Land zu bringen, während du selbst hier bleibst, um deine Heimat zu verteidigen“, sagt er und reibt sich gleichzeitig die Augen. Seine Vorbereitung besteht vor allem darin, die Medienberichterstattung zu verfolgen. „Ich beobachte die russischen und westeuropäischen Medien und versuche die Situation hier mit der vor der Annexion der Krim zu vergleichen.“ Schon jetzt kann er Ähnlichkeiten feststellen, besonders was das Verhalten Russlands angeht. „Russland versucht permanent, uns zu beeinflussen“, sagt er. Das geschehe über die Medien, die sozialen Netzwerke, aber auch über Organisationen. Es sei pure Propaganda. „Wenn es zu einer Invasion oder einem Krieg kommt, machen wir Bürger es, wie schon 1945: Wir ziehen uns in die Wälder zurück und führen einen Guerilla-Krieg.“

 

„Sei immer bereit“

Domas will Schießen lernen, um sich im Kriegsfall verteidigen zu können.

Domas will Schießen lernen, um sich im Kriegsfall verteidigen zu können.

Ähnlich will auch Domynikas im Kriegsfall handeln, erzählt er in seiner Werkstatt für mittelalterliche Waffen. „Ich werde vom Wald aus kämpfen, einen Guerilla-Krieg. Beim Militär wäre ich innerhalb kürzester Zeit tot“, sagt Domynikas. Seine Vorbereitung beschränkt sich auf den Umgang mit Waffen. „Ich kenne viele, die sich jede Menge Gewehre und Munition zulegen. Im Krieg ist es aber am wichtigsten, damit umgehen zu können. Deshalb muss ich das lernen und auch in der Lage sein, es anderen beizubringen.“ An eine Waffe zu bekommen sei nicht schwierig, weil der Waffenhandel in Zeiten des Krieges exploriere. „Jeder in meinem Umfeld bereitet sich anders vor: Viele kaufen Waffen und lassen sich den Umgang damit zeigen. Andere wiederum gehen in die Supermärkte und legen sich Vorräte zu“, berichtet Domynikas. Auf dem Kopf trägt er eine schwarze Kappe mit dem Schriftzug „Sei immer bereit.“ Ein Satz, der zum Mantra der litauischen Bevölkerung geworden ist.


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