Germanwings-Katastrophe: Zwischen Moral und Clickbaiting

17. März 2016

Ein Flugzeug stürzt ab, die Ursache ist geklärt und die Medien veranstalten eine Hetzjagd auf den Todespiloten. Während dieser Zeit arbeitete ich in einer der größten deutschen Nachrichtenredaktionen. Meine Erlebnisse aus diesen Tagen habe ich zusammengefasst.

Als am Vormittag des 24. März 2015 ein Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings in den französischen Alpen abstürzte und dabei 150 Menschen ums Leben kamen, ging ein Ruck durch die Redaktion. Zunächst verfielen alle für einen kurzen Moment in eine Art Schockstarre, doch dann musste es weitergehen. Der Chefredakteur rief „Vollalarm“ aus, es wurde ein Krisenstab eingerichtet. Das Tagesgeschäft wurde zunächst beiseite geschoben.

Redakteure werden zu Gaffern und Witwenschüttlern

Eine Kollegin aus meinem Ressort, das sich eigentlich mit vollkommen anderen Themen befasst, wurde nach Frankreich geschickt, um vor Ort zu recherchieren. Sie sollte sofort losfahren. Ihre Aufgabe dort war, den Ermittlungen der Luftfahrtbehörde zu folgen und Bilder- und Videomaterial sowie Text-Schnipsel für den Live-Ticker an die Redaktion zu liefern. Zudem sollte sie mit Zeugen des Absturzes sprechen. Ich fragte mich warum die Redaktionsleitung ihr diesen Auftrag erteilte. Alle nötigen Bilder und Informationen würden doch eh über die Newsticker der Nachrichtenagenturen eintreffen.

Nach und nach sickerten immer mehr Informationen durch. Das Ziel des Fluges war Düsseldorf. Die Chefredaktion beauftragte direkt nach Eintreffen dieser Information einen freien Redakteur, der die Stimmung am Flughafen einfangen sollte. Fotos und Zitate von Angehörigen gehörten selbstverständlich auch zum Auftrag. Die Angehörigen vor Ort wussten teilweise noch nichts von dem Absturz, warteten auf ihre Familienmitglieder, waren geschockt von der Tragödie. Hinterher veröffentlichten die Medien genau diese Situation – Menschen, die vom Tod ihrer Angehörigen erfahren und Hilfe benötigen.

Unbestätigte Spekulationen als wahr verkauft 

Zur gleichen Zeit häuften sich Spekulationen zur Absturzursache. Die Redaktion sprach mit Luftfahrtexperten und veröffentlichte deren Einschätzung wonach es sich um technisches Versagen gehandelt haben müsse. Weder die Lufthansa, noch Germanwings bestätigten diese Vermutungen. Diese Aussagen wurden nicht deutlich als Vermutungen gekennzeichnet.
Sobald neue Informationen ans Licht kamen, spekulierte man in der Redaktion weiter und jede Spekulation ging Online.

Je mehr sich die Nachrichtenlage verdichtete, desto mehr mussten auch alle anderen Ressorts einspringen, unterstützen und zusätzliche Artikel erarbeiten. Zum Teil machten die Kollegen Doppelschichten. Sie waren übermüdet, wodurch sich die Fehler häuften.

Ich hatte Glück: Ich konnte mich aus dieser ganzen Thematik weitesgehend rausziehen und mich ums Tagesgeschäft kümmern.

Ethik, Grundsätze, Pressekodex?

„Von der Recherche über Redaktion, Veröffentlichung, Dokumentation bis hin zur Archivierung dieser Daten achtet die Presse das Privatleben, die Intimsphäre und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung des Menschen“ heißt es in der Präambel des Pressekodex.
Dass dieser überhaupt existiert schienen die Kollegen in den Tagen nach dem Absturz zu vergessen. Der Chefredakteur war in dem Fall auch kein gutes Beispiel. „Das will ich nicht zuerst bei BILD lesen“, ließ er verlauten.

Der Druck für die Kollegen stieg weiter an. Der Zeitdruck führte zu Fehlern. Das war aber nicht das schlimmste. Es waren die Recherchemethoden, welche die Redakteure an ihre Grenzen brachte.
Ein Kollege war direkt in Haltern am See. Er sprach mit Schülern und skizzierte die Stimmung, lieferte Fotos. Die öffentliche Kritik an Journalisten häuft sich. Das scheint aber egal zu sein. Es ging weiter.

Donnerstags überschlugen sich die Nachrichten. Die Piloten rückten immer mehr in die Berichterstattung. Diese wurde identifizierend. Die Medien veröffentlichten ausreichend Daten, die besonders den Co-Piloten eindeutig identifizierbar machten. Mittags kamen dann immer mehr Details ans Licht. Der Co-Pilot hatte den Absturz mit Absicht verursacht.

Mehr Details, mehr Clicks

Nun geht die Maschinerie in der Redaktion los.
Warum darf ein Co-Pilot alleine im Cockpit sein? Wie sieht die Ausbildung eines Co-Piloten aus? Wie sind die Vorschriften? Wie funktioniert diese Tür? Wer war der Co-Pilot? Wie kann es sein, dass ein eventuell selbstmordgefährdeter Mann alleine ein Flugzeug führt? All diese Fragen sollten am besten innerhalb weniger Minuten beantwortet werden.

Nun musste auch ich mich mit der Thematik auseinandersetzen. Ich recherchierte über die Ausbildung und die Aufnahmebedingungen an der Flugschule der Lufthansa.
Kurz nach der Veröffentlichung des Artikels, kam der stellvertretende Chefredakteur an meinen Platz. Die Überschrift solle geändert werden, der volle Name des Co-Piloten müsse auftauchen. Ich fragte ob das den ok sei, schließlich identifiziere man damit den Piloten und seine Angehörigen komplett. Wiederwillig änderte ich die Überschrift und fügte Andreas L. ein. Nur wenige Minuten später stand der volle Name in der Headline. Ein ganzer Ort, 12.500 Menschen, konnte damit den Piloten und seine Familie identifizieren.

So erfolgreich wie nie

Es ging aber noch weiter. Meine Kollegen aus dem Newsroom telefonierten Nachbarschaft, Freunde und Angehörige des Co-Piloten ab. Die Forderung des Chefredakteurs: Wir müssen als erstes Medium mit den Informationen online sein.

Permanent hingen die Kollegen an den Telefonen, versuchten jede Kleinigkeit über Lubitz herauszufinden. Und diese Kleinigkeiten kamen dann auch direkt in den Live-Ticker. Überall riefen die Kollegen an. Nachbarn, Mitschüler, Bekannte und vor allem Angehörige. Keiner konnte sich einem Anruf aus der Redaktion wirklich entziehen.

Sobald es etwas neues gab, änderte der Chef vom Dienst die Headline. Wie hoch der Wahrheitsgehalt war, interessierte dabei nicht. Hauptsache der Live-Ticker wird gut geklickt.

Die Zahlen gaben dem Medium recht. Nie zuvor haben so viele Nutzer die Seite besucht.


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